"Danke!" von einem halben Supermann
At A Glance
Author pierced-boy-stefan
Contact pierced-boy@web.de
When A week ago
Artist Howie, Chandler, Roberto
Studio First Swiss BodyModification Meeting
Location Schweiz

„Brauche ich für die Suspension irgendetwas Besonderes?", fragte ich Ueli, als wir durch den Wald zum Ort des vor mir liegenden Geschehens liefen. „Nein, eigentlich nicht.", antwortete er nach kurzem Überlegen. Ich hatte lediglich eine weitere kurze Hose unter dem Arm, das sollte genügen. Ueli war einer der Initiatoren des ersten Schweizer Body Modification-Meetings, an dem ich nun tatsächlich teilnehmen sollte.

Hinter einem kleinen Hochwasserdamm erreichten wir nach kurzem Spaziergang die Gruppe, die bereits unter anderem auch auf mich als einen der Akteure an diesem milden Sommerabend wartete. Mitten im Wald hatten sich hier ca. 20 Leute versammelt, um gemeinsam an einigen Suspension-Acts teilzuhaben.

Die Verantwortlichen hatten mit viel Einfühlungsvermögen und etwas Glück einen fast magisch anmutenden Platz gefunden, der für ein solches Happening geradezu ideal schien: Unter großen Bäumen gelegen war ein kleiner Unterstand mit einer Holzliege aufgebaut. Im Kreis standen mehrere Fackeln bereit, auch Baumstammfeuer warteten auf ihr Aufflammen. In der Mitte des Platzes lagen einige Planen, über denen schließlich die wichtigste Einrichtung angebracht war...

An einem mächtigen umgestürzten Stamm, der in Schräglage festen Halt in der Astgabel eines anderen Baumes gefunden hatte, war in 6 Metern Höhe an einer Rolle ein Seil angebracht. An diesem hing auf der einen Seite eine Vorrichtung für die Suspensions, auf der anderen befand sich ein imposanter Seilzug, der offensichtlich jedes menschliche Gewicht mühelos in die Höhe zu ziehen vermochte.

Vor mir war Thorsten aus Dresden an der Reihe. Während er gerade für eine Suicide-Suspension vier Haken im Schulterbereich gesetzt bekam, führte mich Chandler, in Berlin wirkender 'Provocative Piercing'-Künstler, zum Anzeichnen der Einstichstellen für meine Half Superman-Suspension. Da Chandler soeben seine Handinnenfläche tätowiert bekommen hatte, zeigte er einem Assistenten, wo er mit einem Filzmarker meine Linien und Punkte am Rücken finden konnte.

Ich dachte daran, was mir bevorstand: Als ich gekommen war, hatte ich gleich mit Howie, Body Modification Künstler aus den USA, gesprochen und ihm über meine Superman-Pläne berichtet. Er und Chandler hatten mir jedoch empfohlen, da dies meine Suspension-Premiere sein sollte, zunächst mit einer Half Superman-Suspension einzusteigen. Bei der werden im Rückenbereich sechs Haken gesetzt und die Beine von zwei Schlaufen gehalten, anstatt sie auch mit in der Regel vier Haken durch die Haut in die Höhe zu bringen.

Und nun stand ich leibhaftig hier und spürte tatsächlich wie der Stift zart und besonnen über meinen Rücken geführt wurde und in aller Ruhe die richtigen Einstichpunkte ausgesucht wurden. Chandler und Howie begutachteten gemeinsam die Markierungen, es war alles in Ordnung. Ich hatte noch etwas Zeit und konnte kurz bei Thorstens Suicide-Suspension zusehen.

Thorsten musste doch ziemlich schnaufen, als man ihn langsam in die Höhe zog. Was ihm zu schaffen machte war, dass er lange Zeit auf den Zehenspitzen stehen musste, aber schließlich kam bei ihm auch sein erster Lift-Off in dieser Richtung! Ganz ruhig war die Stimmung, und Thorsten hielt wacker durch, bis ihm nach annähernd zehn Minuten sein Kreislauf doch etwas zu schaffen machte und er wieder absetzen musste. Applaus aus der Gruppe hallte durch den nun bereits abendlich gestimmten Wald.

In diesem Moment rief mich Howie zum Setzen der Haken für mich. Ich wechselte noch schnell meine Hose gegen eine, die auch etwas blutig werden durfte und schon durfte ich mich bäuchlings auf die Bahre unter den Planen legen.

Da es langsam begann zu dunkeln, leuchteten Howie ein paar Mädchen mit Taschenlampen und unterstützen damit seine Stirnlampe. Der Schweizer Ray und Holger aus dem Saarland gaben mir immer wieder ganz lieb etwas zu trinken oder machten Fotos von meiner 'Behandlung'. Zunächst wurde mein Rücken desinfiziert, aber dann ging es auch zur Sache.

Howie packte mit Latexhandschuhen zuerst die linke obere Schulterhaut und drückte sie kraftvoll zu einer gut zu durchbohrenden 'Lasche' zusammen. Immer wieder fragte er, ob ich o.k. sei. O.k. wäre reine Untertreibung gewesen, es ging mir nach wie vor großartig und ich war relaxed und ruhig. Also kündigte er das Setzen des ersten Hakens an und stach zu.

"One, two, three", zählte Howie mit und stach dabei flott den 3mm-Suspension-Haken, an dem vorn ein amerikanischer 3,6mm-Needleblade angebracht war, durch meine Haut. Es zog schon stark, war aber dennoch sehr gut auszuhalten. Das gleiche Spiel wiederholte er auf der linken Seite zweimal bis nach unten. Der unterste Hautbereich ist normalerweise empfindlicher und forderte auch mich kurz zum Zähne Zusammenbeißen auf, aber selbst hier war der Schmerz erträglich.

Schließlich war mein Rückenbereich mit sechs stabilen 'Fleischerhaken', wie wir sie scherzhaft nannten, versehen. Howie hatte an jedem Haken eine Sicherung vom Tragbereich über die Spitze gelegt, so dass später nichts aufbiegen konnte. Die zwei unteren Haken waren etwas länger als die oberen. Ich durfte aufstehen.

Jetzt übernahm mich wieder Chandler und ließ mich seine ruhige und besonnene Aura sofort und dauerhaft spüren. Er forderte mich auf mich unter den kleinen, aber schön verzierten Suspension-Balken mit seinen vielen Ösen beziehungsweise Schlaufen zu legen. Roberto aus Mexiko, Howie und weitere halfen ihm, die Haken an Schnüren zu befestigen und diese gleichmäßig über die Ösen zu verteilen. Um meine Beine wurden die beiden Halteschlaufen gelegt, die diesen Bereich gleich einem Drachenflieger an Ober- und Unterschenkel stützen sollten.

Jetzt wurden die Tragseile langsam von Luzzi und Mattias aus Basel angespannt und ich spürte wie sich meine Haut mehr und mehr aufwärts dehnte. Es spannte zwar stark, aber direkt als Schmerz würde ich diese Erfahrung für mich nicht bezeichnen. Einzig im unteren Rückenbereich zog es kurz unangenehm, aber nach kurzem Ausgleich der Gewichtsverteilung ging auch das gut vorüber.

"Jetzt bist du ganz abgehoben!", klärte mich Chandler auf, und ich nahm auch noch meine Fingerspitzen vom Boden.

Das Gefühl, das mich ab jetzt packte, ist schwer in Worte zu fassen. Ich spürte keinen Schmerz, sondern konnte die Suspension von Anfang an einfach nur genießen. "Great!" - Eine Erfahrung, von der ich seit 12jähriger Junge geträumt hatte, als ich mal das Bild einer traditionellen indischen Yogi-Suspension gesehen hatte, wurde in diesem Moment Wahrheit.

Und mit der Wahrheit kam die Klarheit. Höher und höher zog man mich, und aus ungefähr vier Metern Höhe konnte ich die ganze Truppe unter mir betrachten. Ich war Eins mit der Natur um mich herum, mit den Menschen unter mir, mit dem ganzen Universum. Und doch ganz klar bei Verstand.

Inzwischen brannten im Kreis unten auch ein paar Fackeln und die Baumfeuer, es war ruhig, die Stimmung sehr relaxed und einfach wunderbar. So konnte ich die ersten Minuten ganz entspannt hier oben 'abhängen' und erst einmal nur schauen.

Wenig später kam dann Chris, der mit seinen kugelförmigen Irokesen-Implants und Tätowierungen im Gesicht in jedem Supermarkt auffällt, aus der Gruppe zu mir und bat mich, doch mit seiner Mini-Einweg-Kamera ein paar Bilder von da oben zu machen. Ich wusste nicht, ob ich seine Kamera überhaupt fangen konnte, hingen meine Arme doch nun schon eine Weile herunter und ich hatte kühle Hände. Doch es klappte beim ersten Wurf. So fotografierte ich von hier oben die Gruppe und auch Chris, der sich genau unter mich gelegt hatte - ein Spaß für alle.

Die Seilzieher Luzzi und Mattias ließen mich jetzt wieder etwas weiter runter, und Chandler konnte meine Hand erreichen. Er fragte mich, ob wir mal ein wenig Dynamik reinbringen wollten, und so begann er mich zunächst mal ganz zart zu drehen. Schon diese kaum wahrzunehmende Bewegung war unbeschreiblich schön. Ich konnte auf die Leute blicken, in den dunklen Wald, um mich herum und war einfach ganz wundervoll 'abgehoben'.

Die Eindrücke sollten sich aber noch viel mehr steigern. Chandler schaukelte mich nun auch herum und wurde dabei nach einigen Durchgängen immer heftiger, nicht ohne immer wieder verständnisvoll nachzufragen wie es mir ging und ob alles so in Ordnung sei. Bei dieser einfühlsamen Behandlung konnte ich mich ja nur top fühlen. Teilweise rannte Chandler auch unter mir hindurch, um mir ordentlich Schwung geben zu können.

So konnte ich in luftiger Höhe schaukeln und mich drehen, bekam immer wieder mal Wasser von Ray gereicht und wurde ausgiebig fotografiert. Sehr nett waren auch mehrere Äußerungen aus der Gruppe, dass meine Suspension sehr ästhetisch und einfach schön anzuschauen sei. Das freute mich natürlich, konnte ich mich selbst ja nicht aus anderen Augen betrachten.

Dann folgte für mich wohl der Höhepunkt meiner Suspension: Mitorganisator Keff und ein Freund begannen um mich herum Feuer zu spucken und jagten, während ich in der Höhe herumschwang, imposante Feuerbälle und -fontänen in den Nachthimmel. Diese Licht- und Gefühlsstimmung werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Alles war so harmonisch, so in sich stimmig, so selbstverständlich, obwohl eine Suspension ja eigentlich auch eine extreme Körpererfahrung darstellen sollte. Ich war jedoch nur noch Eins mit allem und fühlte mich frei wie nie zuvor.

Ab und zu spritzten noch warme Petroleum-Tropfen, die sich nicht entzündet hatten, aus den Feuerbällen wieder herunter auf meine Waden. Ich scherzte, dass ich jetzt wohl auch noch gleich ein Branding dazubekommen würde. Aber die Feuerspucker waren vorsichtig und ließen mich diesen Anblick auf den Wald, auf die Gruppe, die Fackeln, die Feuerbälle und alles andere ohne Einschränkungen voll in mich aufnehmen.

Ich konnte diese Zeit des Abhängens voll bewusst verinnerlichen und die Bilder als ewige Erinnerung in meinem Gedächtnis speichern. Eine so schöne Erfahrung hätte ich für meine erste Suspension nie erwartet, und so war ich einfach nur überwältigt und spürte tiefe Dankbarkeit gegenüber allen, den passiv Beteiligten und den Mitwirkenden für diesen Act.

Gegen Ende meiner Suspension legte ich auch mal die Hände auf mein Gesäß und die Arme an den Körper an. So schaukelte ich noch eine ganze Weile, auch mal in fünf Metern Höhe knapp unter der Rolle am Baum, und ließ diese mehr als eindrucksvolle Erfahrung an und in mir langsam ausklingen.

Ich hätte noch ewig hier oben abhängen können und auch dürfen (Ray: "Du bist der Boss!"), aber nach ungefähr 40 Minuten dachte ich mir, dass mir das Erlebte und Gesehene an Impressionen für mein erstes Mal genügte. So bat ich Chandler, mich wieder auf den 'Boden der Tatsachen' herunterzuholen.

Langsam setzten mich die Luzzi und Mattias wieder auf den Boden ab, und ich nahm ganz ungeplant erst mal eine 'Startposition' wie zu einem Hundertmeterlauf ein. Nun hockte ich hier in 'Terminator'-Stellung und die Seile und Schlaufen wurden wieder von meinen Haken beziehungsweise den Beinen gelöst.

Das Aufstehen war kein Problem für mich. Im Schulterbereich spürte ich eine imaginäre Aufwärtsbewegung, fühlte mich leicht und wie gleich abhebend, einfach nur gut. Nun applaudierte die Gruppe auch mir.

Jedem, der mich fragte, wie es war und wie ich mich fühlte, konnte ich nur antworten, dass die Suspension zu keiner Zeit unangenehm war, dass es einfach eine unerwartet großartige und unvergessliche Erfahrung war: Eine DER Erfahrungen meines Lebens.

Zu Chandler sagte ich, dass mir das Ganze wie ein Traum vorkomme. Er meinte, dass ich an den folgenden Tagen diesen Traum sicher weiter leben könne, und er sollte vollkommen recht behalten...

Wenig später bat mich Roberto noch einmal auf der Liege Platz zu nehmen. Er entfernte mir völlig schmerzlos und recht flott die sechs Haken aus meinem Rücken, rieb ihn mit einem kühlenden Desinfektionsgel ein, reinigte ihn ausgiebig und massierte ihn kräftig. Dabei drückte er eingedrungene Luft und natürlich auch etwas Blut aus den Einstichlöchern heraus und versorgte die kleinen Wundstellen mit nur vorübergehend haltenden Pflastern.

Nebenher konnte ich beobachten, wie Thorsten ein zweites Mal seine Suicide erfahren durfte, diesmal mit einem schnelleren Lift-Off und bis hin zu Schaukelschwingspielchen zwischen den Bäumen - großartig, jetzt hatte auch er noch seinen Genuss bekommen.

Holger und andere Zuschauer zeigten mir wenig später die Bilder von meiner Suspension, die selbst auf den Mini-Displays der Digitalkameras sehr eindrucksvoll rüberkamen. Ich war begeistert, als ich das sehen durfte. Stellenweise waren die Bilder wegen der Dunkelheit und der Bewegung nicht immer ganz scharf, aber dafür trafen sie öfter die Lichtstimmung am Ort perfekt, was mich sehr freute.

Chandler empfahl mir, nun erst mal ganz relaxed eine Weile zu duschen. Mit ihm und Ueli lief ich dann auch wieder zurück zur Unterkunft - überwiegend schweigend, ich dabei jeden Schritt genießend und einfach nur glücklich.

Unter der Dusche konnte ich weiter entspannen und musste schmunzeln. Wer zum ersten Mal das lustige Geräusch hört, wenn Wasser auf frische Suspension-Stellen strahlt, ist schon erstaunt. Das klingt wie Wasser auf eine aufgeblasene Plastiktüte zu gießen - witzig.

Nach dem Duschen bluteten zwei Wunden noch einmal kurz nach, aber das ließ sich bald stillen. Trotzdem ist es deswegen natürlich ratsam, nach einer Suspension dunkle Kleidung anzuziehen...

Wegen weiterer terminlicher Verpflichtungen konnte ich leider nicht mehr allzu lang auf dem ersten Swissmodmeeting bleiben, aber es reichte noch für das Ansehen einiger Suspension-Filme von Chandler und für Gespräche mit den anderen Anwesenden.

So konnte ich auch Howie noch einmal für seinen 'good and professional job' und die erlebte Erfahrung danken. Auch bei Ueli und Keff bedankte ich mich herzlich, dass sie es mir möglich gemacht hatten, diese Suspension erleben zu können. Keff meinte sogar noch zu mir, dass ich der Auslöser gewesen war, dass das Meeting quasi um diese Nacht verlängert worden war, weil ich eben erst so spät kommen konnte.

Den Kopf voller neuer Eindrücke, fuhr ich durch eine kurze Nacht wieder nach Hause auf deutschen Boden und erlebte den neu anbrechenden Tag. Wie Chandler und andere es erzählt hatten, ist man dann nicht mehr ganz derselbe Mensch wie vor einer Suspension. Ich kann nun noch lockerer im Leben stehen und weiß, dass ich etwas ganz besonderes erfahren habe.

Tage lang habe ich immer wieder von meiner Suspension geträumt und von der gelösten Stimmung, die währenddessen geherrscht hatte. So waren meine Erwartungen an dieses 'erste Mal' bei weitem positiv übertroffen worden und ich kann nur jedem Interessierten raten, auf eine solch sanfte Weise in diese Art der Body Modification einzusteigen.

Eine Auswirkung bleibt natürlich zusätzlich zurück: Man kann durchaus 'süchtig' werden und möchte das Ganze noch einmal erleben. Denn nun schwebt mir natürlich im wahrsten Sinne des Wortes eine Full Superman Suspension vor. Tage nach der Erfahrung habe ich darüber nachgedacht, warum mir das nicht schon an diesem Abend eingefallen war, die Suspension einfach noch entsprechend zu erweitern. Aber so bleibt mir die Vorfreude auf ein nächstes Mal, das ich auf jeden Fall erleben möchte.

In mir herrschen bis heute noch starke Gefühle des Friedens, der Freiheit, der Liebe, der inneren Ruhe, einer Kraftgewinnung vor, die die Suspension ausgelöst hat. Diese Stimmungen werden begleitet von einer tiefen, andauernden und respektvollen Dankbarkeit für alle, die mir diese Erfahrung ermöglicht haben.

Danke für diese erste und wundervolle Suspension!


Disclaimer: The experience above was submitted by a BME reader and has not
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