Ich wollte eben einen sofort einen Ohrring und keinen Stecker …
At A Glance
Author Nural
When Two years ago
Artist Jacqueline
Studio in meiner WG am Flurtisch
Location Oldenburg, Niedersachsen, Germany
Ich spielte nach meinem Coming-Out und meinem Einzug in mein eigenes kleines WG-Zimmer lange Zeit mit dem Gedanken, mir ein Augenbrauenpiercing stechen zu lassen. Ich dachte wohl, es wäre ein Ausdruck meines neuen selbstbestimmten Lebens. Letztlich konnte ich mich dazu aber nicht dazu durchringen. Das lag wohl nicht so sehr an Angst vor Schmerzen oder der Prozedur selber (darüber habe ich mir eigentlich nie Gedanken gemacht), sondern viel mehr daran, dass es irgendwie gerade Mode war, sich piercen zu lassen. Und ich bin nunmal absolut kein Freund von Mode.

Wie dem auch sei. In meiner WG haben wir eigentlich immer viel gemeinsam unternomen. Eines Abends zeigte mir meine Mitbewohnerin Anka ihr neues Nasenpiercing. Und es war richtig toll, weil es so gut zu ihr und ihrem Stil passte. Es war, als hätte sie es immer schon gehabt. Als ich sie fragte, wo sie es hätte machen lassen, meinte sie nur ganz fröhlich: Das hat Jacqueline gemacht.

Kennt Ihr den Spruch in dem es heist "Wenn die Zeit reif ist für eine Entdecktung, dann wird sie gemacht"? Jacqueline meinte nur zu mir: "Na Jerome, soll ich Dir auch ein Ohrloch stechen?! Nasenloch passt bei Jungs nicht so gut, find icke!"

Nunja, was soll ich sagen. Am nächsten Tag suchte ich mit einem Freund die verschiedenen Juweliere nach einem Schmuckstück ab, das meinem Geschmack entsprach. Zum Glück fanden wir auch recht schnell eine kleine goldene Creole, die mir auf anhieb gut gefiel. Als ich mit meinem Schmuckstück dann zu Jacqueline kam, stellte sich leider heraus, dass ihre Nadeln zu klein waren.

Ich fackelte nicht lange und machte mich auf den Weg gen Apotheke, um eine geeignete Nadel zu kaufen. Leider stellte sich das als viel schwerer heraus als ich ursprünglich erwartet hatte. Keine der Kanülen war groß genug, selbst die eine Braunüle nicht, die ich in einer der Apotheken fand. Als ich schon aufgeben wollte, hatte ich doch noch Glück. Der etwas betagte Apotheker war doch ein wenig verwundert, wozu ich dieses Instrument denn brauchen würde, als ich ihm den Ohrring vor die Nase hielt. Davon abgehalten, mir die Kanüle zu verkaufen hat es aber nicht.

Das eigentliche Stechen machte den kleinsten Aufwand. Jacqueline, Ann-Ka und ich hielten dann den Ohrring an verschiedenen Stellen gegen mein Ohr, um zu schauen, wo er den gut aussah. Ich habe angewachsene Ohrläppchen, wodurch das Finden einer geeigneten Stelle nicht gerade einfacher wurde. (Angewachsene Ohrläpchen finde ich cool, weil sie mich an die Vorta aus der Fernsehserie "StarTrek: Deep Space Nine" erinnern, falls die jemand kennt). Jacqueline machte mit einem Filzstift einen Punkt, als wir eine gute Stelle gefunden hatten. Sie lag etwas tiefer als die Mitte des Ohrläppchens, aber war dafür horizontal zentriert.

Jacqueline desinfizierte mein Ohr und den Schmuck mit handelsüblichem Desinfektionsmittel. Nachdem nun allles bereit war, sollte ich mich gerade hinsetzen und entspannen. Nachdem Jacqueline ihre Hände desinfiziert hatte nahm sie die Kanüle aus der sterilen Verpackung, hielt mit der einen Hand mein Ohrläppchen fest und stach dann mit der anderen langsam und konzentriert die Kanüle durch mein Ohr. Sie öffnete die Creole und stecke das eine Ende in die Öffnung der Hohlnadel. Vorsichtig zog sie die Kanüle mit dem Ohrring durch das Ohrläppchen.

Sobald die Kanüle durch mein Ohrläppchen durchgezogen war, quoll Blut aus dem gestochenen Kanal hervor und lief mir den Hals entlang, bis Jacqueline es mit etwas Küchenkrepp auffangen konnte. Sie war sehr aufgeregt und entschuldtigte sich. Ich fand es nicht schlimm. Um ehrlich zu sein, fand ich das rote Blut auf dem Gold sehr ästhetisch. Ausserdem hatte ich damit gerechnet, dass es bluten würde. Ich fand es nur logisch davon auszugehen, weil es doch auch blutet, wenn ich mich in einen Finger steche. Ich nahm das Paier von Jacqueline und drückte es gegen den Frisch gestochenen Ohrring und siehe da: nach ein, zwei Minuten war die Blutung auch gestilt. Alles halb so wild.

Ich war wirklich begeistert von meinem Ohrring - und es war schön zu hören, dass auch andere ihn an mir mochten.

In den nächsten Tagen blutete es ab und zu ein wenig, wenn ich damit nicht sehr vorsichtig umgegangen war, insbesondere, wenn ich den Ohrring beim Duschen herausgenommen hatte. (Was man natürlich auf keinen Fall tun sollte! Ich kann von Glück sagen, dass es sich nicht furchtbar entzündete). Auch nässte der Kanal die erste Woche auch ordenlich, so dass ich immer wieder die getrocknete Lymphe entfernen musste. So hat es denn dann mehrere Wochen gedauert bis alles wirklich vollständig abgeheilt war.

Nach ein paar Monaten habe ich den Ohrring nicht mehr getragen und dann lange Zeit gar nichts in meinem Ohrloch gehabt, so dass es sich fast wieder schloss. Nachdem ich also eine ganze Weile keinen Ohrring getragen hatte, nur zwischendrin manchmal einen billigen Stecker, habe ich vor einigen Wochen mit Stretching angefangen. Aber darüber berichte ich in meinem nächsten Aufsatz...


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