leicht zu durchschauen...
At A Glance
Author semiranet
Contact semiranet@gmx.de
IAM semiranet
When A year ago
Studio tatau obscure
Location Berlin
Ich weiß nicht, was mich schon als Kind so sicher gemacht hat, dass ich eines Tages Löcher in den Ohren und Tattoos auf dem Arm haben werde. Ich komme aus einer Pfarrersfamilie und habe eine Menge Geschwister. Nicht das meine Eltern offensichtlich Konservativ wären, aber jede Form von Bodyart und sei es nur die Haare zu färben war absolut kein Thema. Keiner in der Familie weit und breit hat Löcher in den Ohren. Es war ein Thema in dem sich meine sonst eigentlich tolerante Mutter leicht zu fast schon militanten Statements hinreißen lies. Sie sagte, wer mit so etwas ankomme werde rausgeworfen. Aber ich wusste schon mit vier, dass ich eines Tages mit so etwas ankommen werde, auch wenn ich damals meinte, dass Ohrringe nur etwas für Frauen wären.

Ich bin mir nicht mehr sicher ob ich gedehnte Ohrläppchen zuerst in einer Christlichen Missionszeitung oder in einer Ausgabe des GEO gesehen habe. Ich war damals vielleicht sieben Jahre alt. Von diesem Moment an wusste ich, dass ich eines Tages nicht nur Löcher in den Ohren sondern gedehnte Löcher in den Ohren haben werde. Dieses Bild dieser schwarzen Frau mit den gossen Löchern in den Ohren, durch die sie eine Perlenkette trug zu sehen hat mich nicht nur begeistert sonder regelrecht sexuell erregt. Natürlich konnte ich nie jemandem von meinem Traum erzählen, zumal ich mich selbst für etwas pervers hielt und mich für meine Träume schämte. Dennoch hatte mein Wunsch nach Tattoos und Piercings eine so starke Anziehungskraft auf mich, dass ich schon mit 12 begann mir Tattos auf alle erreichbaren Stellen zu stechen und von Zeit zu Zeit überkam mich das Bedürfnis mir, vorrübergehend ein Loch ins Ohr zu stechen. Ich schaute mich dann zehn Minuten im Spiegel an, danach mussten die S tecker raus, denn keiner durfte irgendetwas sehen. Natürlich musste ich von meinem 12 Lebensjahr an auch konsequent lange Hemden tragen und ins Freibad gehen war tabu, denn die Panik, meine Mutter könnte etwas davon entdecken war längst schon zur Neurose geworden.

Ich glaube ich war siebzehn als ich zum ersten Mal in einem Tattoo-Magazine, in „In the Flesh" das Foto einer Frau mit gedehnten Ohrläppchen sah. Zunächst traute ich meinen Augen nicht und dann überkam mich ein Schwall warmer Begeisterung, denn von da an hatte ich das Gefühl, dass mich die Erfüllung meines Traumes nicht unmittelbar aus der Gesellschaft katapultieren würde.

Es dauerte drei weitere Jahre bis ich meine ersten „echten" Ohrlöcher geschossen bekam. Der Ärger mit meiner Mutter war damit natürlich vorgeplant. Aber irgendwie stellte sich am Ende alles als weniger schlimm heraus, als ich es erwartet hätte. Sie warf mich nicht aus dem Haus. Kaum waren meine Löcher verheilt begann ich meine Ohrläppchen zu dehnen, aber immer nur für kurze Zeit, denn damals traute ich mich noch immer nicht mich meinen Freunden, alles keine Freunde von Bodyart, mich so zu zeigen. 1997 habe ich endlich in Stuttgart einen Laden entdeckt in dem man Plugs und eine dehnspirale kaufen konnte. Zeitweilig, während meiner Zivildienstzeit hatte ich meine Ohren sogar schon einmal auf 3mm. Aber dann überkam mich immer wieder die Angst, man könne entdecken was ich da tu. Ich habe mich bis dahin ja noch nicht einmal mit meiner, immer größer werdenden Tattoosammlung, in die Öffentlichkeit getraut.

Im Sommer 2002 hatte ich endlich mein Comming-out als Bodyart fan, es war eigentlich blanker Zufall, eine Freundin hatte, ohne recht zu wissen was sie damit anstellt, vor den Augen all meiner Freunde mir mein Hemd beim Tanze heruntergerissen. Für einen Moment war es mir, als höre die Musik auf zu spielen und ich glaube für eine Woche oder so war ich bei meinen Bekannten das Gesprächsthema Nr.1. Aber die durchgehend positiven Reaktionen haben mir mut gemacht meinen anderen großen Traum Realität werden zu lassen; Ohrlöcher zu haben, wie jene Afrikanische Frau.

Dazu habe ich mir erst einmal neue Löcher stechen lassen, denn eines meiner Ohrlöcher war inzwischen verheilt. In einem Tattoshop in Berlin wurden mir auf der einen Seite ein neues Loch gestochen, gleich mit 1.6mm, das andere wurde auf diese Größe gedehnt. Ich kann das Gefühl nicht recht beschreiben, denn irgendwie wusste ich, dass ich in diesem Moment etwas Unumkehrbares tue. Ich hatte vor bei 6mm mit dehnen aufzuhören. Nach vier Wochen schob ich auf jeder Seite einen weiteren Ring in mein Loch und nach einer weiteren Woche konnte ich auf der einen Seite beginnen mit meinem Dehnstab zu dehnen. Ich hatte mir inzwischen Earlets mit 6mm besorgt. Als ich nach drei Wochen endlich am Ende meines Dehnstabes angekommen war wollte die Earlets nicht passen. Aber ich wollte sie nun endlich um jeden Preis in meinen Ohren haben. Und so wurde ich ein bisschen gewalttätig. Es war ein unglaubliches Gefühl, dass ich dabei hatte, ich hatte noch nie ein vergleichbares Gefühl. Das ganze mit ei nem Orgasmus zu vergleichen wäre wahrscheinlich eine Untertreibung.

Viele meiner Freunde wollten zunächst ihren eigenen Augen nicht recht trauen, sie hielten die Löcher in meinen Ohren für eine optische Täuschung, denn hier in Berlin sieht man gedehnte Ohren nicht sonderlich oft. Und irgendwann bleib es mir auch nicht erspart meine Mutter wieder zu sehen, ich hatte wirklich Angst davor. Wer glaubt das das ganze mit einem 6 stündigen Vortrag erledigt gewesen wäre der täuscht sich, inzwischen hat sie es aber akzeptiert.

Natürlich ist es bei den 6mm, die ich mir vorgenommen hatte nicht geblieben. Im ersten Moment, als ich die Earlets in meinen Ohren gesehen habe, fand ich sie unglaublich groß. Aber schon nach einer Woche fielen sie mir vor dem Spiegel kaum mehr auf. Meine nächsten Earlets waren 8mm, doubleflared, da es zu dieser Zeit in Berlin noch nichts anderes zu kaufen gab. Die Prozedur diese Earlets im Studio in die Ohren zu bekommen war wirklich unangenehm. Noch blutrünstiger war der nächste Dehnschritt, denn aus irgendeinem Grund waren meine Ohrlöcher unsymmetrisch, ich hatte darum vor das eine Loch mit einem Schnitt richtig zu platzieren. Ich nahm also eine Rasierklinge, desinfizierte und sterilisierte alles so gut als möglich und machte einen kleinen Schnitt. (Das ist keine gute Idee!!!)Die Wunde heilte völlig Problemlos, schon nach einer Woche war alles ok. Aber das Lch auf dieser Seite sitzt noch immer zu tief, der Schnitt war wohl zu klein. Dann hatte meine Seele fürs erste mal R uhe. Stolz präsentiere ich meine Ohren, es fühlt sich gut an zu wissen, dass ein Traum sich erfüllt hat. Immer wieder fällt es mir ein, dann überkommt mich ein Schwall von Begeisterung. Bis jetzt habe ich fast nur positive Reaktionen durch andere Leute bekommen. Ich fürchte fast, bei all den anderen schweigt die Höflichkeit.

Diesen Frühjahr habe ich mir dann Earlets mit 13mm gekauft. Sie haben zunächst nicht gepasst, aber nachdem ich eine weile lang eine Schicht aus Isolierband um meine 10mm Earlets getragen habe passten sie dann doch. Zunächst trug ich die 13mm Tunnel nur zu besonderen Anlässen, ich konnte mich nicht so recht daran gewöhnen, andererseits reizte es mich, wenn ich frontal auf den Spiegel schaue, durch meine Ohren sehen zu können. Und immer öfter ging ich dazu über die 13mm Tunnel auch länger im Ohr zu lassen. Seit zwei oder drei Monaten trage ich sie ständig, die 10mm Tunnel wollen nun schon nicht mehr recht in meinen Ohren halten. Und so habe ich mich daran gewöhnt. Aber kaum tritt die Gewöhnung ein, überkommt einen auch schon die Lust weiter zu machen. Ich weiß nicht recht, ob ich das wirklich tun soll. Ich bin wirklich kein Bodyart- Freak, obwohl ich den ganzen Arm tätowiert habe, liegt mir irgendwie daran, dass meine Piercings und Tattoos mein Aussehen unterstreichen, aber ni cht dominieren. Und Tunnel die größer als 13mm sind werde zu wirklichen Eyecatchern, ich glaube sie werden mein Gesicht zu sehr dominieren. Andererseits erblasse ich immer halb vor Neid, wenn ich jemanden mit noch größeren Ohrlöchern sehe. Meine Ohrlöcher sind spätestens seit meinem Rasierklingenschnitt eine dauerhafte Anschaffung, sie waren auch ne als etwas anderes geplant. Ich habe mir lange genug darüber Gedanken gemacht und hatte darum auch immer etwas Furcht davor es wirklich zu tun. Aber ich fühle mich wirklich nackt ohne sie, und würde sie um nichts in der Welt hergeben. Das ist also nicht was mich davon abhält noch einen Schritt größer zu gehen. Ein Problem das mich erwartet ist unter anderem, dass die Löcher noch immer unsymmetrisch sind. Wenn ich also noch größere Löcher bekomme, dann werde ich dieses Problem angehen und mir die Löcher Scalpellieren lassen. Ich werde noch eine Weile darüber nachdenken...aber ich fürchte schon, am Ende siegt doch die Sucht.


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